Karl-Heinz Zeller steht unter Beobachtung, ständig. Neben der Tür des Präsidentenzimmers wachen seine Vorgänger über das Geschehen im denkmalgeschützten Raum im Domherren-Doppelhaus. Aufgehängt in Reih und Glied, gerahmt und auf Fotopapier gebannt, gucken sie zumeist streng in den Raum.

Dreizehn Köpfe sind es. Ab Juli kommt wohl ein neues Augenpaar hinzu: dasjenige von Zeller selbst. Er tritt zu den Gemeindewahlen Ende Februar nicht mehr an, nach dannzumal 24 Jahren im Gemeinderat, davon deren 12 als Präsident. Zeller glaubt, dass die «Frischluft», die von ihm gegründete und geprägte Ortspartei, auch bestens ohne ihn auskomme. Und so schliesst er auch nicht aus, dass sein Nachfolger, den er dereinst von der Wand herab beäugen kann, aus seiner eigenen Partei stammen könnte, der Frischluft.

Karl-Heinz Zeller, Sie sind bald zwölf Jahre lang Gemeindepräsident von Arlesheim. Das scheint ein einfacher Job zu sein: Arlesheim ist reich, die Bewohner gebildet, die Lage wunderschön – da kann eigentlich nichts schiefgehen!

Karl-Heinz Zeller: Es ist eher das Gegenteil der Fall, der Job ist schwieriger.

Wie denn das?

Die Ansprüche an die Verwaltung, den Gemeinderat und auch an mich sind hoch. Wenn wir eine Ausgabe streichen wollen, stossen wir sofort auf Widerstand.

Das ist aber in anderen Gemeinden, denen es zumeist finanziell schlechter geht als Arlesheim, nicht anders.

Ja. Aber es ist einfacher, eine Sparmassnahme gegen Aussen zu vertreten. Wenn man sparen muss, werden Dienstleistungen oder sogar Stellen gestrichen. Man sagt dann einfach, wir haben kein Geld mehr, das sehen die Leute ein. In einer Gemeinde, der es gut geht, kann man so nicht argumentieren. Es geht ja manchmal auch darum, keine neuen Ausgaben zu genehmigen. Dann kommt hinzu, dass wir – wie Sie bemerkt haben – sehr viele Einwohner mit hoher Bildung und Ausbildung haben. Die beobachten unsere Arbeit äusserst genau.

Trotzdem hat man hat das Gefühl, in Arlesheim sei alles ein bisschen einfacher, lockerer, netter. Sogar die zwei grossen Parteien im Gemeinderat, die FDP und die grün geprägte Frischluft, kommen offenbar bestens miteinander aus. Ist der Gemeinderat ein Kuschelgremium?

Kommen Sie mal an eine Sitzung, dann sehen Sie, dass dem nicht so ist. Im Ernst: Dieser Eindruck, bei uns herrsche immer Harmonie, entsteht wohl dadurch, als wir geschlossen hinter Entscheiden stehen, wenn wir sie einmal gefällt haben. Aber ich gestehe es durchaus ein: Die Arbeit im Gemeinderat in meinen bald 24 Jahren war immer konstruktiv. Die Parteien gehen gut miteinander um. Das hat aber nichts damit zu tun, dass wir nicht hart um Entscheide ringen und alles abnicken würden.

Womit denn?

Es geht doch darum, mit Argumenten Mehrheiten zu gewinnen. Ich habe mich immer darum bemüht, die politische Kultur, den Dialog hochzuhalten: die Meinung der Minderheit einzubinden, auf Argumente des politischen Gegners einzugehen, Entscheide gemeinsam und geschlossen zu vertreten.

Wie kann man auf eine Partei achten, die nicht im Gemeinderat vertreten ist? So ergeht es derzeit – um zwei grössere zu nennen – der SVP und der CVP.

Wir haben genau aus diesem Grund die Turm-Gespräche eingeführt. Zweimal im Jahr treffen wir uns zum Austausch, alle Parteien sind explizit eingeladen. Dort können diese ihre Anliegen einbringen, und das klappt auch gut.

Warum ist die SVP in Arlesheim so schwach?

So schwach ist sie nicht. Sie war bei den Nationalratswahlen immerhin viertstärkste Partei.

Aber sie hat keinen Sitz im siebenköpfigen Gemeinderat.

Die Volkspartei ist generell untervertreten in der Exekutive, das ist hier nicht anders. Im Majorz-Wahlsystem braucht es Leute, die mehrheitsfähig sind und die man kennt. In Arlesheim sehe ich bei der SVP derzeit keine Person, die sich aufstellen lassen will.

Sie sind das Aushängeschild von Frischluft, der Ortspartei, die sie 1991 mit einigen Freunden gegründet haben und die nur in Arlesheim aktiv ist. Was passiert mit der Frischluft, wenn Sie weg sind?

Die Frischluft wird weiter machen wie bisher.

Es fehlt ihr dann aber das Gesicht.

Wir sind weiterhin im Gemeinderat vertreten. Dann sind wir es gewohnt, dass wir unterschätzt werden. Schon als ich 1992, ein Jahr nach der Gründung, den Einzug in den Gemeinderat schaffte, wurde gewitzelt: «Frischluft, das ist Durchzug, ihr seid nach vier Jahren wieder verschwunden.» Und wo stehen wir heute? Wir stellen drei der sieben Gemeinderäte, in allen Behörden besetzen wir das Präsidium, ebenso in der Gemeindekommission und im Schulrat. Das ist eine solide Basis, wir sind breit aufgestellt, es hängt nicht alles an mir.

Hätten Sie sich den Erfolg erträumen lassen, als Sie die Gruppe gründeten?

Nein. Wir waren fünf Freunde und selbst überrascht. Zuerst hatten wir nicht einmal eine rechtliche Form, wir waren einfach eine Gruppe von fünf Leuten, die sagten: Junge müssen in die Politik. Ich war 31.

Wird sich Frischluft wieder fürs Präsidium bewerben?

Wir werden die Wahlen abwarten und das Gesamtresultat analysieren – dann sehen wir weiter.

Die anderen Parteien klagen, dass Frischluft die jungen Leute aufsaugt. Wie machen Sie das?

Wir haben natürlich einen grossen Vorteil: Wir konzentrieren uns auf das Lokale. So können wir unideologisch handeln, müssen uns an keine Vorgaben von Kantonal- oder sogar Landessektionen halten. Das macht uns attraktiv.

Man könnte auch sagen: Frischluft ist opportunistisch. Sie handelt mal so, mal so – alles Wischiwaschi!

Dieser Eindruck kann von aussen entstehen. Aber wir schauen wirklich jedes Sachgeschäft einzeln an und positionieren uns dann. Wie gesagt, das ist unideologisch. Wir haben unsere politischen und ethischen Grundwerte, anhand derer wir die einzelnen Sachgeschäfte beurteilen. Bei jedem Geschäft von neuem.

Die soeben abgehaltene Abstimmung über die Elba-Tangente war so ein Fall. Sie waren als Gemeindepräsident für die abgelehnte Variante Ausbau. Die Grünen im Kanton, denen die Frischluft am nächsten steht, waren unter den Gruppierungen, die dagegen das Referendum ergriffen haben.

Die Frischluft in Arlesheim hat sich ebenso gegen Elba ausgesprochen. Als Gemeindepräsident von Arlesheim ging es aber darum, die Interessen der Gemeinde zu vertreten – oder in diesem Falle: die Interessen der Bissstadt-Gemeinden. Die überregionale Planung der Birsstadt ist eng verknüpft mit der Ausbau-Variante Elba.

Was machen Sie eigentlich, wenn Sie ab Juli 2016 plötzlich viel mehr Zeit haben?

Die neue gewonnene Freizeit geniessen. Und meine Familie und Freunde freuen sich auch, sie haben dann mehr von mir.

Ihr Abgang ist ja so freiwillig nicht: Sie sind auch noch Leiter von Primarschule und Kindergarten in Arlesheim. Der Kanton ist da strenger geworden, diese Doppelfunktion würde er wohl nicht mehr eine weitere Legislatur dulden.

Ja, davon ist auszugehen. Aber trotzdem sage ich auch selber: Es ist genug. Es ist ja schon witzig: Wäre ich damals, als ich Frischluft gründete, auf einen wie mich selber gestossen, der über zwei Jahrzehnte im Gemeinderat verbracht hat, so hätte ich gesagt: Jetzt brauchts neue Leute – eben Frischluft. Weg mit diesem Sesselkleber!